Ur-Veyatisch - Morphologie
Morphologisches Profil
- Wurzelstabil, mässig suffixierend und noch nicht voll geglättet.
- Grammatische Relationen werden durch Wortstellung, leichte Reliktpartikeln und einige alte Ableitungsmuster getragen.
- Die Sprache kennt eine feierliche Langform und eine laufende Kurzform in mehreren hochfrequenten Wörtern.
Personalpronomen
Ur-Veyatisch bewahrt für häufige Pronomina zwei Reihen: eine volle, gewichtige Redeform und eine klitische Alltagsform.
| Funktion | Vollform | Klitische Form |
|---|---|---|
| Enu | nau | nu |
| Enel | nela | nel |
| Enor | nora | nor |
| Enath | thaya | tha |
| Enis | isha | is |
| neutral/fremdhöflich | seya | se |
| unpersönlich | veya | ve |
- Reflexiv:
ser - Die Vollformen tragen Gewicht, Eid, Kontrast oder liturgische Höhe.
- Die Kurzformen stehen in laufender Rede und wurden in den Tochtersprachen sehr unterschiedlich weiterentwickelt.
Nominalmorphologie
Grundzahlen der Form
- Singular: Grundform
- Belebter oder sozial markierter Plural:
-i - Kollektiver oder sachlicher Plural:
-an - Abstraktum/Ereignis:
-at
Beispiele:
enar->enari= Volk -> Völker / Sippendrun->drunan= Haus -> Häuser / Wohnbestandnavar->navat= geben -> Gabeveyar->veyarat= Redeakt / Rede
Determiner
aer= bestimmt / nah / gemeinsam bekanntaur= fern / distanziert / jenseitigena= unbestimmt
Diese Formen sind noch deutlich deiktischer als in den Tochtersprachen; der bestimmte Ausdruck benennt nicht bloss Definitheit, sondern geteilten Horizont.
Relationale Partikeln
na= Zugehörigkeit, Herkunft, Besitzta= Ziel, Empfänger, gerichtete Bezogenheitke= Ort, Lage, Innenraum, Bereichva= und / mit
Beispiele:
aer drun na nau= mein Hausena kevar ta nela= ein Vertrag für die Enelaer nor ke verun= der Enor im Hafen
Adjektive
- Grundstellung: nach dem Nomen
aer thalar draesena kevar zorin- Voranstellung ist feierlich, kontrastiv oder poetisch:
draes aer thalarzeya aur veyarat
Diese Doppelmöglichkeit ist einer der wichtigsten Ausgangspunkte für die spätere Spaltung zwischen Veyrathi und Veytharisch.
Verben
Grundform
- Viele alte Verben stehen in der Lexikonform auf
-ar. - Diese Form ist zugleich die schlichte finite Realisform.
Beispiele:
veyar= sprechenseyar= sehentalar= gehen, sich bewegennavar= geben
Grammatische Partikeln
| Form | Funktion |
|---|---|
noi | Negation |
sha | Prospektiv, Absicht, heraufziehende Zukunft |
kai | Irrealis, gedachte oder bedingte Handlung |
Beispiele:
nu noi veyar= ich spreche nichtnu sha talar= ich werde gehen / ich bin im Begriff zu gehennu kai veyar= ich würde sprechen
Abgeschlossene Handlung
- Eine alte Abschlussform wird oft mit
-angebildet. - Sie wirkt erzählend, erinnernd oder zeugnishaft.
Beispiele:
seyar->seyarantalar->talaranwerar->weraran
Nichtverbale Prädikation
- Der unmarkierte Präsenssatz bleibt häufig kopulalos:
aer thalar draesaer drun torim- Für explizit markierte, juristische oder kontrastive Aussagen steht die alte Stützkopula
isar: aer kevar zorin isaraer drun noi torim isar
Satzbau
- Tafel-, Rechts- und Eidstil bevorzugen
XOVoderSOV. - Laufende Erzählrede erlaubt
SVXund frühe Verbsetzung. - Nebensätze stehen meist mit linker Partikel und verbspätem Abschluss.
Das macht Ur-Veyatisch absichtlich älter und weniger normiert als seine Tochtersprachen: nicht modern-standardisiert, sondern registergebunden und traditionsgeladen.